FB GC

Photovoltaik in Italien (Fortsetzung)home

Ende 2008 habe ich euphorisch über unsere Erfahrung mit der Photovoltaik im Südpiemont berichtet (Teil1). Der positive Eindruck wurde durch die erste Abrechnung der ENEL (scambio sul posto) voll bestätigt, jedes kW welches wir bezogen hatten wurde zum bezahlen Preis zurückvergütet und auf der übersichtlichen Liste war sogar der Saldo sichtbar. Um den produzierten Strom (ca. 18'000 kWh) auch zu nutzen entschlossen wir die Anschaffung einer Wärmepumpe für das Warmwasser (Haushalt und Heizung). Durch einen Beitrag in der Gazetta Svizzera entstanden weitere interessante Kontakte - so auch erfuhr ich auch über ein chaotisch ausgeführtes Projekt in Ligurien. Durch das weiterhin grosse Interesse an der Photovoltaik entschloss ich mich auch in Zukunft bei der Beschaffung von günstigem PV-Material behilflich zu sein. Im Gegensatz zu den ersten 5 Projekten, welche ich aus Begeisterung zum Selbstkostenpreis gratis organisierte, berechnete ich auf zukünftige Anlagen 3% für meine Umtriebe - so blieben den Käufer ja immer noch ca. 15% Rabatt. Als wir anfangs 2009 die Buchhaltung den "Coldiretti" (Bauerverband) vorlegten ging das erste Theater los - wir hätten das PV-Material gar nicht weiterverkaufen dürfen. Bei den Vorabklärungen hiess es aber "kein Problem" und auch die Einträge in das grüne Heft (IVA) wurde von einer hilfsbereiten Dame der "Colti" vorgenommen. Wir mussten dann einige male nach Alba wo gross diskutiert und gestikuliert wurde … am Ende waren wir der Meinung (vielleicht der Hoffnung) es sei erledigt. Im Juli 2009 erhielten wir dann einen eingeschriebenen Brief der Agenzie Dogane, mit der Aufforderung am 4.09.2009 mit alle Lieferanten- und Kundenrechnungen der letzten 5 Jahre und den dazugehörenden Bankbelegen in Cuneo zu erscheinen. Pflichtbewusst und pünktlich erschienen wir mit allen Unterlagen im angegeben Büro. Leider war die Dame aus persönlichen Gründen nicht anwesend und man wollte uns einen neuen Termin angeben. Da die Hinfahrt alleine ca. 2 Stunden dauerte intervenierten wir und wurden schlussendlich zum "Capo" vorgelassen. Dort durften wir dann die Unterlagen ohne grosse Fragen abgeben. Gut zwei Monate später erhielten wir dann wieder einen Termin in Cuneo. Diesmal war die Signora persönlich mit Ihrer Sekretärin anwesen. Sie erklärte uns dass wir nun ein grosses Problem hätten - was wir da gemacht hätten sei Wirtschaftsbetrug! In einem rund 100 Seiten umfassenden "Verbale" (Protokoll) wurde eine IVA-Nachsteuer von 10% (für den Handel gelte 20% IVA) und eine Strafabgabe der von uns verrechneten IVA (10%) angedroht. Diese Nachzahlung würde ca. 50'000 Euro betragen, dazu noch ein Busse von 90'000 - 200'000 Euro. Durchnässt vom Schweiss mussten wir dann jedes einzelne Formular unterzeichneten. Als erstes vereinbarten wir sofort ein Treffen beim Bauernverband, denn dieser war ja bis in jedes Detail eingeweiht. Der Direktor entschuldigte sich - er könne aber nichts machen, denn die Verantwortung liege immer bei uns. Nicht einmal einen guten Anwalt des Bauerverbandes wollten sie uns zugestehen. Wir fühlten uns hilflos - von den "Colti" zuerst falsch beraten und dann im Stich gelassen. So mussten wir nun einen guten "commercialista" (Unternehmensberater) suchen, der unsere Stellungsnahme zum "Verbale" formulieren konnte. Der "Dottore" erklärte uns auch noch mal die Lage und verfasste eine 10-seitige Gegendarstellung. In der Zwischenzeit liefen ja weitere Projekte, also musste ich sofort eine "saubere" Lösung ohne mögliche Probleme suchen. Zuerst wendete ich mich an den Lieferanten, die AS-Solar welche mir nach Rücksprache mit Ihrem Treuhänder eine Möglichkeit des Handels über unsere Schweizer Firma empfahl. Dazu müsste ich in Italien Fiskalvertreter werden. Ich müsste beim Einkauf 20% IVA bezahlen, die Differenz zu den 10% Kunden-IVA würde ich ende Jahr zurück erhalten. Dies wurde dem nun mit dem "Dottore" (Gegendarstellung) besprochen und nach seinen Informationen lösten ich eine "Partita IVA" (Mehrwertsteuer-Nummer) als Fiskalvertreter. Diese erhielt ich schnell und problemlos bei der Agenzia Entrate - um diesmal auf "sicher" zu gehen verlangten wir anschliessend noch ihren Fachmann der uns den Ablauf erklärte und uns versicherte dass so alles ordnungsgemäss sei. Im Januar 2010 stellte ich nun die Rechnungen für das Jahr 2009 zusammen und übergab diese dem "commercialista" für die Rückforderung. Dieser erledigte nun den ganzen "Papierkrieg" und füllte alle Formulare "online" aus (natürlich immer alles gegen Entgelt). Guten Mutes warteten wir auf die Gutschrift... Nach einem Monat erhielten wir einen eingeschriebenen Brief der Aganzia Entrate. Ich müsse ihnen innert 20 Tagen das Formular 1, co. 4, D.P.R. 441/1997, eine amtlich unterzeichnete Urkunde meiner Befugnis als Fiskalvertreter zustellen. Ich wendete mich sofort wieder an den "commercialista" welcher mich fragte ob ich dies denn nicht habe. Natürlich nicht - niemand hat mir ja gesagt, dass ich das brauchen würde! In einer Nacht- und Nebelaktion organisierte ich mir eine Vollmacht mit vielen Stempel und Beglaubigungen … natürlich waren diese nicht amtlich aber von meinem Treuhänder in der Schweiz. Zirka 20 Tage nach der Zusendung dieses Dokumentes bekam ich dann wieder eingeschrieben den Bescheid: Die Rückforderung der IVA wird mangels rechtsgültiger Vollmacht verweigert! Der Schaden ca. 10'000 Euro - mit anderen Worten haben wir diese Anlagen mit 7% subventioniert. Da immer noch einige Aufträge liefen, organisiere ich sofort dieses amtliche Dokument. Das hin und her bei Konsulat, Anwalt und Agenzia Entrate um die Zuständigkeit und Gültigkeit des vom Schweizerischen Staatsarchiv in Luzern abgestempelten amtlichen Dokuments würde noch Seiten füllen … Für das Jahr 2010 hoffe ich nun wenigstens, dass es diesmal klappt. Ab dem 1.1.2009 übernahm die GSE die Abrechnung des "Scambio sul posto". So wies uns der Geometer an, den neuen Vertrag zu unterzeichenen … es gäbe keine grosse Änderung und es bleibe uns auch gar keine andere Wahl. Neu müssten wir nun einfach der ENEL den Stromverbrauch zahlen erhielten diesen aber von der GSE ende Jahr zurück vergütet. Bereits die erste ENEL-Rechnung war "gesalzen", so dass ich diese unter die Lupe nahm und feststellte, dass neu ab dem 1.1.2009 der Tarif D3 nach Verbrauch gestaffelt verrechnet wird. Vorher bezahlten wir einen Fixpreis von ca. 18 Cent/kWh, jetzt in der höchsten Stufe bis 28 Cent/kWh. Ist ja mehr oder weniger egal … die GSE wird uns dies ja ende Jahr vergüten ... also bleibt nur der Zinsverlust. Ungeduldig erwartete ich die Abrechnung der GSE für das Jahr 2009, die ich dann endlich im Juni 2010 (!) erhielt. Vergütet wurde ca. 6 Cent/kWh was ich kaum glauben konnte und den Geometer anfragte. Er hätte gedacht so um 18 Cent/kWh würde es schon geben, aber es werde nun hat bloss der "Marktpreis" gutgeschrieben. Nun fühlen wir uns natürlich auch hier total hintergangen, kostet uns der anfänglich kostenlose Strom ab 2009 mit dem neuen GSE-Vertrag über 3000 Euro/Jahr (18'000 kWh x 19 Cent - bezahlt im Schnitt 25 Cent, erhalten 6 Cent). In der Zwischenzeit habe ich jegliche Tätigkeiten im Bereich Photovoltaik eingestellt. Obwohl ich sehr viel Aufwand für Dachmieten mit teilweisen Vorausbezahlungen (Provisionen) getrieben habe ist mir das Risiko in Italien "zu Geschäften" trotz eines Millionen-Investor aus Deutschland zu gross geworden. Die Zeitbombe des Urteils betreffen der Mehrwertsteuer der ersten Projekte tickt und tickt … noch haben wir auch nach mehr als einem Jahr kein Entscheid erhalten. Aber bei jedem Besuch des Postboten bekommen wir Herzklopfen und können auch weiterhin nur noch dank einem Glas Wein gut schlafen.
Am 14.03.2012 machte uns die Agenzia Entrate einen Vorschlag, den wir auf Anraten von Fachleuten zähneknirschend angenommen haben. Nun müssen wir über 50'000 Euro (20% IVA, aber nur kleine Busse) nachzahlen - für uns total unverständlich und für unsere Zukunft einige Einschränkungen.
(c) 2018   Walter+Lisa Trumpf-Zürcher · Casa Scaron · I-12074 Bergolo · Telefon: (0039) 0173 82 73 04
(Kalender) (Klick) (Kalender) - Atomuhr (Atomuhr)